PLEATS! Sabine Kaipainen und Bettina Schülke, 28. März – 6. April 2026, KKThun, Thun, Schweiz
Fotocredit: photo courtesy of Sabine Kaipainen
PLEATS!
Sabine Kaipainen und Bettina Schülke
KK Thun, Schweiz, 28. März bis 6. April 2026
Text zur Ausstellung
Andreas Schlichtner
Die Falte ist das zentrale Motiv dieser Ausstellung.
Sabine Kaipainen, Modeschöpferin aus der Schweiz, und Bettina Schülke, bildende Künstlerin aus Österreich, verbindet eine langjährige künstlerische Beziehung, deren Ursprung in Finnland liegt. Nach intensiver Auseinandersetzung und mehrjähriger Planung findet diese Zusammenarbeit in PLEATS! nun ihre konkrete Form.
Falten / Pleats / Plissees / Folds in der Textilkunst
Falten sind allgegenwärtig. Sie durchziehen Kunst-, Kultur- und Menschheitsgeschichte und manifestieren sich in einer Vielzahl von Materialien, Techniken und Kontexten. Ihre ästhetische und funktionale Vielfalt reicht von textilen Oberflächen bis hin zu architektonischen Strukturen.
Falten sind dabei nicht nur formale Phänomene, sondern Träger kultureller Bedeutung. In ihrer stofflichen Ausprägung verbinden sie zudem scheinbare Gegensätze wie Stabilität und Flexibilität sowie Verdichtung und Bewegung. Sie bedeuten nicht zwangsläufig Wiederholung. Jede Falte kann gezielt gesetzt werden und beeinflusst damit das Erscheinungsbild. Als Ergebnis materieller Transformation entstehen sie durch Druck, Hitze oder manuelle Bearbeitung.
Ihre Präsenz reicht weit über die Textilkunst hinaus: Falten finden sich in Metall, Stein, Holz oder Beton ebenso wie in biologischen Formen – in der Haut, in geologischen Formationen oder in technischen Anwendungen. Aktuelle Forschungen, etwa an der ETH Zürich, zeigen, dass faltbasierte Konstruktionen für Betonverschalungen innovative Lösungen für ressourcenschonendes Bauen ermöglichen.
Falten erweisen sich damit als ein grundlegendes Prinzip, das ästhetische, materielle und kulturelle Dimensionen miteinander verschränkt.
Bewegung und Wahrnehmung
In den Arbeiten von Sabine Kaipainen und Bettina Schülke zeigen Falten ihr Potenzial insbesondere im Verhältnis von Bewegung und Wahrnehmung.
Kaipainens tragbare Kunst reagiert auf den Körper, folgt seinen Bewegungen, betont oder transformiert seine Form. Kleidung wird hier zu einem dynamischen Medium, das sich im Gebrauch ständig verändert. Aber auch als Skulptur, die umschritten werden kann, entfaltet sie diesen dynamischen Moment.
Schülkes Stereoscopic Textile Images hingegen operieren im Spannungsfeld von Raum, Licht und Betrachter:innenposition. Die Farbigkeit der gefalteten textilen Bildkörper verschiebt sich beim Vorübergehen und ist abhängig von Perspektive und Lichtsituation.
Die Werke existieren somit nicht als statische Objekte, sondern als relationale Ereignisse im Raum. Ihre Wahrnehmung setzt Bewegung voraus – sie entsteht im Zusammenspiel von Objekt, Raum und Betrachter:in und aktualisiert sich in jedem Moment neu.
Falten, Mode und Geschlechterordnungen
Die Frage nach der kulturellen Bedeutung von Falten führt unweigerlich zu Fragen nach Mode, Körperlichkeit und Geschlecht.
Welche Rolle spielen Falten in zeitgenössischen Kleidungspraktiken? Würden westeuropäische Männer gefaltete Kleidung oder Röcke tragen? Und wie beeinflussen kulturelle Zugehörigkeit und Geschlechteridentität unser Verhältnis zu Kleidung?
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass solche Zuschreibungen keineswegs stabil sind. So trägt Kaiser Maximilian I. in Darstellungen einen Harnisch mit Faltenrock aus Stahl – ein Zeichen von Macht und sozialem Rang, das eindeutig männlich konnotiert ist. Auch die Toga der römischen Antike oder ornamentale Falttextilien anderer Kulturen fungierten als visuelle Marker gesellschaftlicher Ordnung.
Der Tutu, ein aus mehreren Schichten gefertigter Faltenrock, gelangte im 19. Jahrhundert durch den persischen Schah Naser ad-Din nach Persien und wurde dort zeitweise zu einem verbreiteten Kleidungsstück. Dieses Beispiel verweist auf die transkulturelle Zirkulation von Formen und Bedeutungen.
Kleidervorschriften existieren in unterschiedlichen Ausprägungen in allen Gesellschaften. Gegenwärtige explizite Regelungen – etwa im Iran, aber ebenso implizite Normen in westlichen Kontexten – machen deutlich, dass Kleidung und ihre Formen niemals neutral sind. Sie entstehen innerhalb von Dispositiven von Macht, Normierung und Sichtbarkeit und strukturieren – oft unsichtbar und durch Selbstregulierung wirksam – Geschlechterrollen und Handlungsspielräume.
Kleiderordnungen sind somit historisch wandelbare, kulturell codierte Systeme, die sowohl stabilisieren als auch transformiert werden können.
Textilkunst und Kanon
Die Frage nach der Falte führt schließlich zur Textilkunst selbst und zu ihrer Stellung innerhalb kunsthistorischer Ordnungssysteme.
Lange Zeit war Frauen der Zugang zu künstlerischer Ausbildung verwehrt, wodurch textile Praktiken häufig außerhalb des institutionalisierten Kunstbetriebs verortet wurden. Auch am Bauhaus, das formal Gleichberechtigung propagierte, wurden Frauen systematisch in bestimmte Werkstätten – insbesondere das Weben – gelenkt. Die Webwerkstatt unter der Leitung von Gunta Stölzl entwickelte sich zwar zu einer der produktivsten Abteilungen, blieb aber in der kunsthistorischen Rezeption lange weitgehend unbeachtet.
Begriffliche und theoretische Konstruktionen verstärkten diese Hierarchisierung: Die Unterscheidung zwischen „angewandter“ und „bildender“ Kunst sowie kunsthistorische Kategorien wie „Volkskunst“ trugen dazu bei, textile Praktiken als sekundär zu klassifizieren. Der Kanon der „Schönen Künste“, wie er seit dem späten 18. Jahrhundert formuliert wurde, privilegierte bestimmte Medien und marginalisierte andere.
Aktuelle Entwicklungen deuten jedoch auf eine Neubewertung hin. Textile Positionen gewinnen in der künstlerischen Praxis, in institutionellen Ausstellungen und in kuratorischen Konzepten an Sichtbarkeit.
Die Ausstellung PLEATS! reiht sich in diese Bewegung ein. Als Präsentation zweier Künstlerinnen, die textile Strategien auf unterschiedliche Weise einsetzen, verweist sie zugleich auf die historische Dimension dieser Praktiken und auf ihr gegenwärtiges Potenzial.
Wahrnehmungen von Kunst sind das Ergebnis kultureller Konstruktionen und Dispositive – und damit veränderbar.
Literatur: Lilli Hollein, Mio Wakita, Karina Grömer, Michel Foucault, Verena Krieger, Paul Oksar Kristeller.